Die Zukunft Deutschlands ist die Zukunft der Welt

Thomas Carlyle


Arbeit


Arbeit macht nicht frei!


von Erich Ribolits
(31.10.2003 – Vorlauf zu Streifzüge 53 zum Schwerpunkt Arbeit)
Vortrag anläßlich der Eröffnung der Ausstellung “Arbeit auf Teufel komm raus! ” im Lichthof des Stuttgarter Gewerkschaftshauses am 2. Oktober 2003
Für meine Gedanken zum Thema “Arbeit”, die ich vor Ihnen entfalten möchte, habe ich den Titel “Arbeit macht nicht frei! ” gewählt, und es ist wohl unschwer zu erkennen, wohin die Provokation zielt: Ich will Sie an die Aufschrift “Arbeit macht frei” erinnern, die über den Toren der faschistischen Konzentrationslager angebracht war.
Allerdings geht es mir in meinem Vortrag nicht bloß darum, den perfiden Zynismus aufzuzeigen, der sich in dieser Aufschrift manifestiert hat, sondern ich möchte die Aussage, dass Arbeit frei macht, grundsätzlich hinterfragen. Ich möchte aufzeigen, dass diese Aufschrift über den KZ-Toren nur den bisher schrecklichsten Höhepunkt in einer Überhöhung der Arbeit zu jenem Medium signalisiert hat, das den Menschen angeblich erst zum Menschen gemacht hat, das – wie es Friedrich Engels einmal ausgedrückt hat – “den Affen zum Menschen” hat werden lassen.
Wenn ich heute zu Geschichte und Auswirkungen des Arbeitsethos referiere, sollte allerdings auch niemals vergessen werden, dass der neuzeitliche Arbeitswahn auch den ideologischen Hintergrund für den bisher dunkelsten Abschnitt mitteleuropäischer Geschichte dargestellt hat. Es war nämlich keineswegs ein Zufall, dass der Arbeit in der plakativen Losung an den Toren der Konzentrationslager Auschwitz, Dachau, Flossenbürg, Sachsenhausen und Ravensbrück befreiende Wirkung zugeschrieben wurde. Die Verknüpfung der bisher systematischsten Form der massenhaften Tötung von Menschen mit dem Slogan “Arbeit macht frei” brachte bloß den zutiefst menschenverachtenden Hintergrund der bürgerlich-christlichen Arbeitsideologie zur Kenntlichkeit. Denn wenn davon ausgegangen wird, dass der Mensch ein von vornherein schuldbelastetes Wesen sei, das nur durch einen Unterwerfungsakt von seiner Schuld erlöst – also befreit – werden kann, ist es in der Tat nur mehr ein kleiner Schritt, die mit Arbeit und Arbeitsfähigkeit legitimierte Tötung von Menschen als Befreiung zu interpretieren.
Meine Behauptung, die ich versuchen werde zu belegen, lautet: Die menschliche Arbeit hat in den industriewirtschaftlichen Gesellschaften im ausgehenden 20. Jahrhundert kultische Bedeutung erlangt. Sie wurde zur zentralen sinnstiftenden Instanz und nimmt heute – wie es durch einen Buchtitel pointiert ausgedrückt wird – die Stellung einer Religion ein[1]. Arbeit steht im Zentrum des gesellschaftlichen Norm- und Wertegefüges, und sie kann ohne Übertreibung als der Kristallisationspunkt allen gesellschaftlichen Geschehens bezeichnet werden. Über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg wird sie als die grundlegende Bestimmungsgröße des Menschen – als das, worüber sich menschliches Dasein definiert und legitimiert – gesehen.
Meiner Überzeugung nach ist es nun genau diese Überhöhung der Arbeit, die es den Menschen so schwer macht, im gegenwärtigen Schrumpfen des Lohnarbeitspotentials nicht eine Bedrohung, sondern die prinzipielle Chance für ein freieres Leben zu erkennen. Das krampfhafte Festhalten am Arbeitsfetisch verhindert, dass die Spaltung der Gesellschaft in Menschen, die sich um Arbeitsplätze immer heftiger konkurrieren müssen, und in solche, deren Profite genau dadurch anwachsen, nicht als politischer Skandal wahrgenommen und entsprechend bekämpft werden kann. Hier ist meiner Meinung nach der Grund dafür zu suchen, warum heute zwar von allen Seiten “neue Arbeitsplätze” gefordert werden, aber kaum je “ein Leben in Würde” auf der Grundlage einer ausreichenden materiellen Versorgung aller Menschen proklamiert wird.
Nahezu alle Industriestaaten der Welt sind derzeit mit anwachsenden Arbeitslosenzahlen konfrontiert, und der Ruf nach Arbeit tönt dementsprechend laut aus allen Ecken dieser Welt. Kaum eine politische Gruppierung, die heute nicht ein Rezept proklamiert, mit dem es gelingen soll “neue Arbeit zu schaffen”. Und manchmal werden jene, denen der Arbeitsplatz schon genommen worden ist, sogar recht handfest in ihren Forderungen. Sie stürmen Konzernzentralen, blockieren Autobahnen und werfen mit Steinen nach Polizisten. Doch was so radikal eingeklagt wird, ist – wenn man es genau betrachtet – mehr als kläglich: Keineswegs wird selbstbewusst der gerechte Anteil am permanent steigenden gesellschaftlichen Reichtum eingefordert, es wird bloß um neue Arbeitsplätze gebettelt. “Beutet uns aus, erniedrigt uns, zerstört unsere Gesundheit, macht mit uns, was ihr wollt, aber gebt uns um Himmels willen Arbeit”. So lautet der hilflose Appell von Millionen Menschen, denen mit dem Verlust ihrer Arbeit nicht bloß die Teilhabe an den materiellen Möglichkeiten dieser Gesellschaft, sondern auch die Möglichkeit jedweder Achtung genommen wurde.
Denn Arbeit – in ihrem an ökonomische Verwertbarkeit geknüpften, neuzeitlichen Verständnis – wird in den industrialisierten Gesellschaften längst nicht mehr bloß im Sinne einer materiellen Existenzsicherung wahrgenommen, sie ist – wie ich im Folgenden darstellen werde – zur ideellen Bezugsgröße des Menschen insgesamt avanciert.
Recht pointiert wurde das schon vor über 100 Jahren, in einer kleinen, unscheinbaren Schrift ausgedrückt, die Paul Lafargue – der ungeliebte Schwiegersohn von Karl Marx – 1883 veröffentlicht hatte, deren brisanter Inhalt allerdings bis heute nur erstaunlich geringe Beachtung gefunden hat. Das Buch mit dem Titel “Das Recht auf Faulheit”[2], das vom Autor ausdrücklich als eine “Widerlegung des Rechtes auf Arbeit von 1848″ bezeichnet wird, beginnt mit den Sätzen:
“Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heilig gesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ noch Ökonom, noch Moralist zu sein behaupte, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Konsequenzen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. ”
Spöttisch polemisiert Lafargue in seinem Text gegen die Arbeitsmoral der bürgerlichen Gesellschaft. Bedauernd stellt er aber auch fest, dass sich diese zwischenzeitlich auch in den Köpfen der Arbeiterschaft eingenistet hat und dafür sorgt, dass die Arbeit von einer bitteren Notwendigkeit zunehmend zu einer Tugend uminterpretiert wurde. Lafargue kann in der Arbeit – noch dazu in der fremdbestimmten Lohnarbeit – nichts Positives, nichts Heroisches und schon gar nichts Sinnstiftend-Würdiges sehen. Sie ist für ihn bloße Notwendigkeit zur Reproduktion der Gattung, dementsprechend gehen ihr ja die Reichen – die es sich leisten können – aus dem Weg und lassen andere für sich arbeiten!
Doch eine solche kritische Sichtweise der Arbeit ist derzeit weitgehend unbekannt. Dabei darf nicht übersehen werden, dass – auch wenn ich im Folgenden im Zusammenhang mit der “Mythologisierung” der Arbeit sehr stark das politisch-ökonomische System “Kapitalismus” anspreche – auch in den ehemaligen, sogenannten “real-sozialistischen” Gesellschaften die Arbeit eine Idealisierung weit über jede bedürfnisorientierte Notwendigkeit hinaus genossen hat. Die Heroisierung von Alexej Stachanow, jenes Arbeiters, der angeblich eine Rekordleistung im Kohlenbergbau erbracht hat, gibt dafür ein beredtes Beispiel. Es gehört wohl zu den großen Erstaunlichkeiten unseres Jahrhunderts, dass das permanente Hervorkehren der Unterschiede zwischen den westlichen und den seinerzeitigen östlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen die tief greifende ideologische Gemeinsamkeit, die in der Idealisierung der Arbeit liegt, völlig verdeckt hat. Der christliche Beleg für das kapitalistische Arbeitsethos – die strenge Mahnung des Apostels Paulus an die Thessalonicher, dass »wer nicht arbeiten will, auch nicht essen« soll – wurde übrigens fast wörtlich in die Sowjetverfassung von 1937 aufgenommen und gilt deshalb vielfach – wohl in einer unbewusst-richtigen Einschätzung der Situation – sogar als ein Ausspruch Stalins.
Diese Überhöhung der Arbeit zum zentralen ideellen Bezugspunkt der menschlichen Existenz hat in Verbindung mit der Tatsache, dass für die überwältigende Majorität der Gesellschaftsmitglieder entlohnte Arbeit die unabdingbare materielle Grundlage ihrer Existenz darstellt, allerdings dramatische Folgen. Das allgemeine Denken erweist sich angesichts des derzeitigen Rückgangs an Lohnarbeitsplätzen schlichtweg als paralysiert. Trotz einer kaum mehr übersehbaren Krise der Arbeitsgesellschaft, wird heute faktisch überhaupt nicht über gesellschaftspolitische Lösungen nachgedacht, die jenseits der Paradigmen dieser Arbeitsgesellschaft liegen. Denn jene politisch-ökonomische Formation, die auf dem Arbeitsethos von uns allen aufbaut, steckt gegenwärtig in einer unübersehbaren Krise. Als Ergebnis wirtschaftlicher Prämissen, die darauf abzielen, menschliche Arbeitskraft immer mehr durch technische Aggregate zu ersetzen, sowie dadurch, dass die mit der Arbeitsgesellschaft verbundene, permanente Ausweitung der Produktion immer unübersehbar an ihre ökologischen Grenzen stößt, geht ihr heute zunehmend ihr bestimmendes Gut, die “bezahlte Arbeit” aus. Für eine rasch anwachsende Zahl von Menschen kann Arbeit in ihrem an ökonomische Verwertbarkeit geknüpften Verständnis nicht mehr das organisierende Zentrum ihrer Existenz sein.
Etwa vier Jahrzehnte lang – bis ins letzte Viertel des 20. Jahrhunderts – war die stete Begleiterin der kapitalistischen Wirtschaftsordnung – die Arbeitslosigkeit – kaum mehr ins Bewusstsein der Bewohner der industrialisierten Welt getreten. Möglich war dies zum einen durch ihren “Export” in die sogenannte Dritte Welt und zum anderen durch ein massives Ankurbeln der Warenproduktion und des Warenumlaufs auf der Basis eines hemmungslosen Raubbaus an den Energieressourcen der Erde, verknüpft mit einer exponentiell anwachsenden Zerstörung der Ökosphäre. Spätestens seit Beginn der 80er Jahre stößt diese “Methode” der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit jedoch immer offensichtlicher an ihre Grenzen. Das in den kapitalistischen Kernländern einige Jahrzehnte relativ gut funktionierende Zusammenspiel von Produktivität, Arbeitskräftebedarf und Konsum kippt seitdem immer unübersehbarer aus dem Gleichgewicht.
Die Folgen dieser Entwicklung sind allgemein bekannt: Das Phänomen (Massen-)Arbeitslosigkeit sucht in anwachsendem Maß auch wieder die entwickelten Industriestaaten heim; die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse – niedrig bezahlte Arbeiten, sozialrechtlich wenig abgesicherte Arbeiten, “selbständige Arbeitnehmer”, Teilzeitarbeit, Flucht aus dem Arbeitsrecht u. dgl. – steigt massiv an; die Spaltung der Gesellschaft in solche, die keine Arbeit haben, und in andere, deren reale Arbeitszeit ansteigt, schreitet rapid voran.
Wieso aber ist es möglich, dass in einer solchen Situation nicht intensiv die Frage nach einer gerechteren Aufteilung der vorhandenen Lohnarbeit diskutiert wird? Wieso stellt sich heute nicht massiv die Frage nach der Gerechtigkeit eines Systems, in dem die Kapitalgewinne ansteigen, die problemlose materielle Absicherung der Arbeitslosen jedoch zunehmend in Diskussion gerät? Oder, in Form eines etwas anderen Zugangs zum Problem: Wieso blieb hierzulande – trotz eines in der Zwischenzeit ungeheuer gestiegenen gesellschaftlichen Reichtums – bestenfalls die aus den Frühzeiten der Industrialisierung stammende (tatsächlich allerdings nie eingelöste) Forderung nach einem “Menschenrecht auf Arbeit” die Maximalvorstellung der gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber dem Einzelnen? Wieso wurde diese Zielvorstellung niemals abgelöst durch eine Forderung nach “Wohlversorgtheit für Alle”, nach einem – wie es Paul Lafargue polemisch formuliert hatte – “Recht auf Faulheit”?
Die Antwort ist wohl darin zu suchen, dass wir alle noch immer daran glauben, dass Arbeit das passende Zauberwort für die Lösung all unserer Probleme sei. Wir alle sind sozialisiert in einer unvorstellbaren Idealisierung der Arbeit. Unsere durch Arbeit artikulierte Tüchtigkeit sowie die der Generationen vor uns dient uns als Abgrenzung gegenüber Kulturen, in denen Arbeit (noch) nicht jene herausragende Bedeutung genießt wie bei uns.
Arbeit bestimmt nicht nur über Einkommen und Lebensstandard, sondern auch über Selbstwertgefühl und gesellschaftlichen Wert von Menschen. Die Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung gilt als ein ganz wesentliches Kennzeichen eines “achtenswerten” Menschen. Und für die Majorität der Bewohner der Industriegesellschaften ist Arbeit auch jenes selbstverständliche “Geländer”, an dem entlang ihr Leben organisiert ist.
Jene das Leben in unserer Gesellschaft so grundsätzlich bestimmende Arbeit hat nur einen marginalen Zusammenhang mit der “Arbeit als anthropologische Kategorie”; sie tritt historisch auch erst spät, im Zusammenhang mit dem Manufakturkapitalismus, als abstrakte betriebswirtschaftliche Vernutzung menschlicher Arbeitskraft in die Welt. Die bloß für den Lebensunterhalt notwendige Arbeit war dagegen noch niemals in der Geschichte gesellschaftlicher Integrationsfaktor. Solche “Subsistenzarbeit” versprach in keiner der vormodernen Gesellschaften Prestige und Anerkennung. [3] Im Gegenteil, diejenigen, die sie ausführten, galten – da sie der “Notdurft des Lebens” unterworfen waren – immer als unterste gesellschaftliche Kategorie.
So meinte man im Altertum, dass man Sklaven nötig habe, weil es für die Befriedigung der Lebenserfordernisse notwendige Beschäftigungen gibt, die ihrer Natur nach “sklavisch” sind, nämlich dem Leben und seiner Notdurft versklavt. “Arbeiten hieß Sklave der Notwendigkeit sein, und dies Versklavtsein lag im Wesen des menschlichen Lebens. Da die Menschen der Notdurft des Lebens unterworfen sind, können sie nur frei werden, indem sie andere unterwerfen [.. ]. Im Altertum war [demgemäß] die Einrichtung der Sklaverei nicht wie später ein Mittel, sich billige Arbeit zu verschaffen oder Menschen zwecks Profit »auszubeuten«, sondern der bewusste Versuch, das Arbeiten von den Bedingungen auszuschließen, unter denen Menschen das Leben gegeben ist. Was dem menschlichen Leben mit anderen Formen tierischen Lebens gemeinsam ist, galt als nicht-menschlich. “[4]
Bis ins achtzehnte Jahrhundert galt Arbeit als “des freien Mannes unwürdige Mühsal”[5] und bezeichnete fast ausschließlich die Beschäftigung der Knechte und Taglöhner, “die entweder Konsumgüter herstellten oder aber lebensnotwendige Dienste verrichteten, die tagtäglich erneuert werden müssen und kein dauerhaftes Resultat hinterlassen. Die Handwerker hingegen, die dauerhafte und akkumulierbare Gegenstände fabrizierten – Werkstücke, die von ihren Käufern meistens an die eigene Nachkommenschaft vererbt wurden -, »arbeiteten« nicht: sie »werkten«, und bei diesem »Werk« konnten sie die »Arbeit« von Handlangern für die groben und unqualifizierten Aufgaben benutzen. Nur die Taglöhner und Handlanger wurden für ihre »Arbeit« bezahlt. Die Handwerker ließen ihr »Werk« nach einem festen Satz bezahlen, der von ihren berufsständischen Organisationen festgelegt wurde, den Zünften und Gilden. “[6] Diese Unterscheidung zwischen zwei mit unterschiedlichem gesellschaftlichem Prestige belegten Formen zielgerichtet-produzierender Tätigkeit spiegelt sich auch in beinahe allen europäischen Kultursprachen durch jeweils semantisch voneinander abgesetzte Begriffe wider. Z. B. poneîn und ergázesthai im Griechischen, laborare und facere im Lateinischen, travailler und ouvrer im Französischen, schließlich labour und work im Englischen. [7]
Die heutige Situation, in der alle – Priester, Wissenschafter, Studenten, Politiker – stolz das Etikett des Arbeitenden für sich reklamieren, stellt den Endpunkt einer Entwicklung dar, die in der frühen Neuzeit ihren Anfang genommen, mit den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts ihre grundlegende gesellschaftliche Legitimation erhalten hatte und schließlich um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert unter tatkräftiger Unterstützung der Arbeiterbewegung endgültig zum Durchbruch gelangt war: Der Sieg des bürgerlichen Leistungsstrebens gegenüber der feudalen, parasitären Faulheit.
Die Wurzeln der heutigen Wertschätzung der Arbeit reichen bis in die Renaissance zurück. Damals begann in den entwickelten Kulturen Europas ein Prozess, der sich als Emanzipation des Menschen von der Vorstellung eines schicksalhaften Ausgeliefertseins an Natur und Vorsehung bezeichnen lässt. Es kam zu einer Abkehr vom bis dahin dominierenden augustinischen Menschenbild, wo wahre Tugend jenseits dessen angesiedelt war, was der Mensch aufgrund eigener Kraft erreichen kann. Tugendhaftes Verhalten und die Befreiung von der Erbsünde erschien demgemäß nicht als Effekt eigenen Bemühens, sondern nur als Ausfluss göttlicher Gnade denkbar. Im Rückgriff auf antike Vorstellungen begann sich zunehmend ein “Vertrauen in die Freiheit und Stärke der menschlichen Natur” durchzusetzen. Das Besondere am Menschen wurde nun immer weniger in seiner unsterblichen Seele gesehen, sondern “in seiner Fähigkeit, sein Schicksal durch Intelligenz und Willenskraft zu bestimmen”, also darin, dass der Mensch in der Lage sei, sich selbst zu befreien. Die damit implizierte Vorstellung von der Machbarkeit menschlicher Geschichte ist jener Hintergrund, auf dem eine zunehmende Verteufelung der Faulheit und die Würdigung der Arbeit Platz greifen konnte. Aktivität im Sinne des Herstellens gewünschter Wirklichkeit begann sich als anstrebenswerte Seinsform zu etablieren. Zunehmend setzte sich das Bewusstsein der Notwendigkeit durch, die – vordem als endgültig angesehene – “Schöpfung” nach menschlichem Willen umzugestalten und zu verbessern. An die Stelle “der “Natürlichkeit der Wahrheit” trat die “Wahrheit als Ergebnis von Arbeit”. [8]
Die radikale Neuinterpretation der Bedeutung der Arbeit im Rahmen der menschlichen Existenz schuf auch die Voraussetzung dafür, dass Arbeit in den Rang der zentralen Bezugsgröße für Erziehung aufrücken konnte. Wenn Arbeit nicht den Überlebensnotwendigkeiten geschuldetes Übel, sondern Bestimmungsmerkmal des Menschen ist, dann ist die logische Konsequenz, dass Arbeit und ihre Anforderungen zum Bezugspunkt der Zielbestimmung von Erziehung bzw. Bildung werden. Dementsprechend war die Geschichte des neuzeitlich-pädagogischen Denkens auch von Beginn an untrennbar verbunden mit der sich seit Ende des Mittelalters herausbildenden Veränderung des Stellenwerts der Arbeit im Bewusstsein der Menschen. Nachdem die Arbeit ihren Makel als “ein von Gott auferlegtes Übel” abgeschüttelt hatte und zur Lebensbestimmung des Menschen avanciert war – zum bestmöglichen Weg, um zu sich selbst zu finden -, galt es, zur Arbeitsverausgabung zu erziehen. Arbeit wurde zur primären Bezugsgröße für Erziehung und die Vorbereitung der Heranwachsenden auf die Übernahme von Positionen in der Berufs- und Arbeitswelt durch Erziehung und (Aus-)Bildung zu einer zentralen Aufgabe der Gesellschaft.
Wie angedeutet, verlief der Aufstieg der Arbeit zur zentralen gesellschaftlichen Orientierungsgröße Hand in Hand mit der Installierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Der endgültige Schritt zur Installierung der “Ideologie der Arbeit” wurde allerdings durch die Arbeiterbewegung vollzogen. Sie hat – in einer beispiellosen Überhöhung der Ideologie ihrer Unterdrücker – den geknechteten und unterdrückten Arbeiter zum Heroen der Geschichte und die entfremdete Arbeit zum Hohelied des Industriezeitalters umgedeutet. Die geradezu kultische Überhöhung der Arbeit zeigt sich wohl am deutlichsten an den Plakaten und den Motivbildern in den Schriften der damaligen Gewerkschaftsbewegung und der sozialdemokratischen Parteien, die eine geradezu frappante Ähnlichkeit mit Heiligenbildern aufweisen. Sie können nur als Kultbilder zur “Verehrung” der Arbeit interpretiert werden und sollten offensichtlich dazu dienen, tief verwurzelte Erlösungswünsche der Menschen auf die Arbeit zu projizieren. In einschlägigen Texten wurde die Arbeit auch tatsächlich verschiedentlich zum “Heiland der neuen Zeit” hochstilisiert und es wurde postuliert, dass sie “vollbringen kann, was kein Erlöser vollbracht hat”[9].
Wieweit die Mystifikation der Arbeit – trotz der Kritik an den Bedingungen der “Klassengesellschaft, in der den Arbeitern das Produkt ihrer Arbeitsverausgabung durch die Besitzer der Produktionsmittel vorenthalten wird” – in den Schriften der damaligen Arbeiterbewegung ging, will ich an einem kurzen Textbeispiel zeigen: In einem Buch, das 1905 von einer großen und bedeutenden sozialdemokratischen Teilorganisationen Deutschlands, herausgegeben worden war, wird ausgeführt: “Die Arbeit adelt den Menschen, wie sie die unversiegbare Quelle des Menschtums, der Humanität im besten und reinsten Sinne des Wortes überhaupt ist. Der Menschheit Würde und der Menschheit Los ist bei ihr, offenbart und gestaltet sich nur durch sie. Schon auf den untersten primitivsten Stufen tritt ihr veredelnder Einfluss hervor, sie entwickelt alle natürlichen Anlagen des Menschen, stählt und diszipliniert seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, weist dem Denken bestimmte Richtungen an und weckt und fördert bestimmte Begriffe, die man als »sittliche« und »ethische« bezeichnet und als Norm des menschlichen Handelns erklärt [.. ]. Die Arbeit soll geachtet sein, als Quelle aller Kultur, als die Mutter der Humanität, als die Seele des Staats- und Gesellschaftskörpers, als Inbegriff der natürlichen Bestimmung des Menschen und als schönster Ausdruck seiner Würde. “[10]
Wenn also heute darüber diskutiert wird, wie unter ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten dem Problem der hohen und weiter ansteigenden Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten begegnet werden soll und ob durch Arbeitszeitverkürzung wieder Arbeit für mehr Menschen geschaffen werden kann, dann geht diese Diskussion am Kern des Problems weitgehend vorbei. Der Mensch der spätkapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft arbeitet keineswegs nur deshalb, um ökonomisch zu überleben, er definiert sich über die Arbeit. Sie ist das strukturierende Merkmal seiner Existenz, und sie vermittelt ihm sein Selbstverständnis als Mensch. Ohne gesellschaftlich honorierte Arbeit ist er nicht »bloß« in seinem materiellen Dasein gefährdet, ohne eine derartige Arbeit verliert der heutige Bewohner der industrialisierten Länder faktisch seine gesamte ideelle Existenzbasis. Wodurch unsere Sozietät überhaupt erst zu dem geworden ist, was wir heute mit dem Begriff Arbeitsgesellschaft zusammenfassen, ist die – mit jedem Generationsschritt reibungsloser ablaufende – allgemeine Verinnerlichung eines “aus sich selbst” begründeten Werts des Arbeitens jenseits “bedürfnisorientierter Notwendigkeiten”. Die gegenwärtige Verringerung des Gesamtausmaßes der zur Verfügung stehenden entlohnten Arbeit ist somit mit dem Verbot einer identitätsstiftenden Kulthandlung vergleichbar und kann von den Gesellschaftsmitgliedern nur im Sinne einer massiven psychischen Destabilisierung wahrgenommen werden!
Somit bleibt – selbst wenn es durch einen sozialen Umbau der Gesellschaft möglich wäre, die materiellen Probleme, die mit der sukzessiven Verringerung der Arbeitsplätze verbunden sind, in den Griff zu bekommen – die Tatsache bestehen, dass wir allesamt “verlernt” haben, ohne Arbeit und in Muße zu leben. Denn auch das, was wir heute als Frei-Zeit bezeichnen, unterliegt ja in jeder Hinsicht denselben Strukturen wie die Arbeitserbringung im Rahmen der Profitökonomie. Es handelt sich dabei keineswegs um eine unverzweckte Muße-Zeit, die selbstbestimmt, einem “inneren Bedürfnis” folgend, gelebt wird. Freizeit unterliegt im selben Maß wie die Arbeit den Bedingungen der Entfremdung. In der Arbeitsgesellschaft ist die von entlohnter Arbeitsverausgabung freigehaltene Zeit in hohem Maß gleichzusetzen mit Konsum. Sie stellt damit aber auch bloß die Kehrseite der Vernichtung der ökologischen Lebensgrundlagen durch Arbeit dar. Es ist wohl unbestreitbar, dass eine Ausweitung der extensiven Freizeitgewohnheiten von Europäern und Amerikanern auf die restliche Menschheit genauso katastrophale ökologische Auswirkungen hätte wie die Verallgemeinerung dessen, was wir Lebensstandard nennen. Auch im Hinblick auf ihre “ökologische Unverträglichkeit” können Freizeit und Arbeit als siamesisches Zwillingspaar bezeichnet werden. Die Freizeit ist in jeder Hinsicht bloß die präsentable Kehrseite der Arbeit, sie ist mit ihr untrennbar verbunden und bietet in ihrem heutigen Verständnis sicher keinen Ansatzpunkt, das durch die Strukturen der Arbeitsgesellschaft ansozialisierte Selbstverständnis des Menschen als homo laborans – als Arbeitswesen – zu relativieren.
Die derzeit allseits konstatierte “Krise” bedeutet also wesentlich mehr als eine ökonomische Umbruchssituation, es handelt sich dabei um eine kaum mehr kaschierbare Krise des gesellschaftlichen Systems selbst. Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, beziehungsweise es ökologische Notwendigkeiten dem Menschen verunmöglichen, “sein Heil” weiter in der Arbeit zu suchen, wird das – wie die Philosophin Hannah Arendt schon vor etwa 30 Jahren geschrieben hat- genau dadurch zum unlösbaren Problem, weil heutzutage – wie sie es ausdrückt – kaum noch vom Hörensagen jene höheren und sinnvolleren Tätigkeiten bekannt sind, die uns ermöglichen würden, ein Weniger-Werden der notwendigen Lohnarbeit als Befreiung zu erleben. Das verinnerlichte Arbeitsethos kettet die Bewohner der industrialisierten Welt an die mit Ausbeutung, Zerstörung und Ungleichheit verbundene Arbeitsgesellschaft, macht sie damit aber auch zugleich zu “Mittätern”. Arbeitslosigkeit kann in dieser Situation eben nicht mehr in der Dimension eines politischen “Skandals” wahrgenommen und dementsprechend bekämpft werden, sie stellt eine Selbstwertbedrohung dar. Gekämpft wird dementsprechend um Arbeitsplätze und nicht um eine Neuverteilung des gesellschaftlichen Reichtums.
Worum es heute also geht, ist ein Verlassen des Denkkorsetts der Arbeitsgesellschaft. Es ist höchste Zeit für die Einsicht, dass der Mensch sich nicht als arbeitender Konsument vom Tier unterscheidet, sondern als denkendes Wesen. Nicht die Arbeit ist es, die den Menschen aus der restlichen Natur heraushebt, sondern die Tatsache, dass er der Arbeit nicht naturwüchsig unterworfen ist. Das Besondere des Menschen besteht auch nicht den gewaltigen Leistungen, die er arbeitend vollbringt, sondern in seiner prinzipiellen Fähigkeit, sich frei zu entscheiden, ob er arbeiten will oder nicht. Im Gegensatz zum instinktgesteuerten Tier zwingt ihn keine genetische Programmierung zur Arbeit. Das aber ist wesentlich mehr als die bloße gedankliche Vorwegnahme der Produkte, die am Ende von Arbeitsprozessen entstehen sollen, worauf vulgärmarxistische Interpretationen der in diesem Zusammenhang oft zitierten Textstelle aus dem “Kapital”[11] – in der Karl Marx die Tätigkeit der Biene mit der eines menschlichen Baumeisters vergleicht – ihr Hauptaugenmerk legen. Das über die Bewusstseinsfähigkeit vermittelte Besondere des Baumeisters gegenüber der Biene, besteht nicht bloß darin, dass dieser – im Gegensatz zur instinktgesteuerten Biene – die Zelle schon in seinem Kopf “gebaut” hat, bevor er sie tatsächlich realisiert, sondern in der Tatsache, dass er frei ist zu entscheiden, ob er das “prinzipiell Machbare” auch tatsächlich in die Welt setzen will.
Nicht die “Arbeit an sich” ist es, die den Affen zum Menschen hat werden lassen, sondern die Tatsache, dass es dem Menschen nicht nur möglich ist, das Produkt seiner Arbeit gedanklich vorzuentwerfen, sondern, dass er die Folgen seines Arbeitens insgesamt abschätzen kann und er dergestalt “Herr” über sein Arbeitsvermögen ist. Arbeit ist einzig und allein dadurch Ausdruck der “Selbsterschaffung des Menschen”, weil der Mensch die Arbeit auch ungetan lassen kann. Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung ist einzig selbstbestimmtes Sein und nicht Arbeit, die dem Menschen als auferlegtes, fremdbestimmtes Tun entgegentritt. In diesem Sinn macht Arbeit auch immer nur jene frei, die durch die Arbeitsverausgabung der Massen den Spielraum für selbstbestimmtes Handeln gewinnen, aber niemals die, die arbeiten müssen um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist der Grund, warum es gilt, die derzeitige Idealisierung der Arbeit zu hinterfragen. Politisches Ziel kann es nicht sein um neue Lohnarbeitsplätze zu kämpfen, sondern um Bedingungen des Lebens, die freies, nicht entfremdetes Tun ermöglichen.
Dazu müssen allerdings jahrhundertlang eingeübte soziale und emotionale Verhaltensweisen hinterfragt und tief verschüttete Sehnsüchte wieder entdeckt werden. Das Nichtstun, die Faulheit und die Kontemplation müssen wieder Platz in unserem Leben erhalten. Konkret geht es darum, unsere nicht verwertbaren Bedürfnisse wieder zutage zu befördern, jene menschlichen Sehnsüchte und Wünsche, die sich nicht in Profit umsetzen lassen und die demgemäß im Kapitalismus einer permanenten Erosion ausgesetzt sind. Die an der Überhöhung der Arbeit gekoppelten Verhaltensweisen und Denkmuster können wohl nur überwunden werden, wenn uns bewusst wird, dass wir – inmitten des gigantischen Angebots an Gütern und Dienstleistungen – Mangel leiden. Und zwar leiden wir Mangel an all jenen Aspekten des Lebens, die sich der Verwertung, d. h. der Verwandlung in ein Profit bringendes Warenangebot entziehen.
Denn genauso wie es im Kapitalismus nicht darum geht Arbeitsplätze zu schaffen, ist es auch nicht die Funktion der kapitalistischen Produktion “Lebensbedürfnisse” möglichst effektiv zu befriedigen. Es geht vielmehr darum, die Menschen von ihren Bedürfnissen zu entfremden, ihnen das Bewusstsein über Wege und Formen der Bedürfnisbefriedigung zu rauben und ihnen statt dessen den Fetisch Ware anzubieten, der zwar verspricht, psychisch zu nähren und Befriedigung zu verschaffen, die emotional Hungrigen jedoch immer unbefriedigt zurücklässt. Nur so können die dergestalt permanent Unbefriedigten schließlich zu “dankbaren” Objekten der ungehemmten Ausweitung der Produktion werden. Der Kapitalismus lebt vom permanenten Versprechen der Bedürfnisbefriedigung, jedoch nicht von der tatsächlichen Befriedigung der Bedürfnisse. Die Sehnsucht nach Lebendigkeit, nach Liebe und nach Lust bleibt im System der Warenproduktion notwendigerweise unbefriedigt. Dementsprechend weit entfernt vom “Geschmack des Lebens” befinden wir uns heute.
Erst wenn wir uns der Verwertung in Arbeit und Konsum zumindest teilweise entziehen, können wir uns den nicht-profitmäßig verwertbaren Wünschen und Bedürfnissen wieder langsam annähern. Unser Ziel muss ein Leben in Muße sein, ein Leben, das uns ermöglicht dem Lebendigen Vorrang gegenüber dem Fetisch Ware einzuräumen und die uns umgebende Welt nicht nur als Ausbeutungsobjekt und die Mitmenschen nicht nur als Konkurrenten und Hindernisse wahrzunehmen. Müßiggang ist nämlich ganz und gar nicht – wie es im bekannten Sprichwort heißt – aller Laster Anfang, sondern – so wie es die Schriftstellerin Christa Wolf formuliert hat – aller Liebe Anfang. Allerdings lässt sich angesichts der heutigen Teilung des Lebens in entfremdete Arbeit und entfremdete Konsumation in der Freizeit, über Müßiggang und seine Notwendigkeit für alle Formen nicht verwertbarer – und damit tendenziell subversiver – Kreativität und Phantasie nur schwer diskutieren. Es scheint, dass die Befreiung aus der “Sklavenmoral der Entfremdung” einen Umweg nehmen muss: Sie muss ansetzen an der anarchischen Gegenkraft zur allgemein gelobten Arbeitsmoral. Es gilt die intuitive Verweigerungshaltung gegenüber der Totalvernutzung ernst zu nehmen und die mit dem Bannfluch der Arbeitsgesellschaft belegte Faulheit zu rehabilitieren.
Denn das, was hierzulande diskriminierend als Faulheit abqualifiziert wird, kann durchaus als das “Tor zur Muße” gesehen werden – jener Lebensform, die erst möglich wird jenseits der kapitalistischen Warengesellschaft. Die Faulheit entspringt einem blinden Widerstand gegen die fremdbestimmte Arbeit und die durch die Freizeitindustrie oktroyierte Betriebsamkeit in der sogenannten Freizeit. Sie ist bloßer Reflex um dem Ghetto der Entfremdung zu entfliehen und stellt nur die Umkehrung des Arbeitszwanges dar. Sie ist quasi systemimmanente Flucht. Ihre subversive Kraft erschließt sich erst im Ernstnehmen ihrer Zielsetzung und im Erkennen der ihr immanenten Lebenssehnsucht. Allerdings kann sie zur Initialzündung dafür werden, sich der gesellschaftlich verursachten Unfreiheit bewusst zu werden. Denn Faulheit und Schlendrian sind – das hat schon Max Weber in seiner berühmten Abhandlung zur “Protestantischen Ethik” bemerkt – die ärgsten Widersacher gegen den “Geist des Kapitalismus”. Nicht zufällig ist die derzeitige Krise der Arbeitsgesellschaft auch ein neuerlich Anlass um alle jene zu desavouieren, die im Verdacht stehen, nicht völlig immun gegen die Verführungen der Faulheit zu sein.
Das Bekenntnis zur Faulheit kann uns die Kraft geben um den ideologischen Charakter der Rede vom “Sinn des Lebens”, der in der Arbeit zu suchen sei, zu erkennen und für eine Gesellschaft einzutreten, die sich an der Muße orientiert. Jenem ursprünglichen Fundamentalbegriff der abendländischen Kultur, der in der programmatischen Mußelosigkeit der totalitären Arbeitswelt gänzlich obsolet geworden ist. Denn nicht die Arbeit, sondern der Müßiggang ist die Quelle aller Kultur, und erst der Mensch, dessen Leben nicht von Arbeit dominiert ist, hat ein Stück vom Paradies zurückgewonnen, in dem es bekannterweise ja nicht erforderlich war, zu arbeiten. Fleiß und Nutzen sind dagegen – so wie es der Philosoph und Dichter Friedrich Schlegel am Ende des 18. Jahrhunderts formuliert hat – die Todesengel mit dem feurigen Schwert, die den Menschen die Rückkehr ins Paradies verweigern.
[1] Hank, Rainer: Arbeit – die Religion des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. (Eichborn) 1995.
[2] Lafargue, Paul: Das Recht auf Faulheit u. a. ausgewählte Texte. Wien (Monte Verita) o. J. , S. 9.
[3] Das gilt genauso heute für jene Reste der Subsistenzarbeit, die weiterhin notwendig sind, da sie (noch) nicht als Nebeneffekte der “Mehrwertproduktion” auftreten; insbesondere ist dabei zu nennen: Hausarbeit und die Betreuung von Kindern und alten Menschen.
[4] Arendt, Hanna: Vita activa, oder Vom tätigen Leben. , 6. Auflage, München/Zürich (Piper) 1989. , S. 78/79.
[5] Die Übersetzung des althochdeutschen Wortes arabeit[i]. Das Wort Arbeit zeigt eine semantische Verwandtschaft sowohl mit dem lateinischen avrum, das auf avra, den “gepflügten Acker”, verweist, als auch mit dem germanischen arba, was soviel wie “Knecht” bedeutet. Das französische Pendant zum Arbeitsbegriff, travail, dürfte vom vulgär-lateinischen tripalare (“pfählen” oder “quälen”) abstammen, das russische rabota von rab, was “Sklave” heißt (vgl. Guggenberger, Berndt: Wenn uns die Arbeit ausgeht. Die aktuelle Diskussion um Arbeitszeitverkürzung, Einkommen und die Grenzen des Sozialstaats. München (Carl Hanser) 1988, S. 32).
[6] Gorz, André: Kritik der ökonomischen Vernunft – Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Berlin (Rotbuch) 1989, S. 30.
[7] Vgl: Riedel, M. : Arbeit. In: Krings et. al. (Hg. ): Handbuch der philosophischen Grundbegriffe, Bd. 1. München (Ehrenwirth) 1973, S. 126.
[8] Vgl. dazu ausführlich: Ribolits, Erich: Die Arbeit hoch. Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus. 2te Auflage, München/Wien (Profil) 1997.
[9] Dietzgen, J. : Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit (1869) Zit. nach Klopfleisch, R. : Die Pflicht zur Faulheit. Düsseldorf/Wien/New York (Econ) 1991, S. 29.
[10] Frohme. K. : Arbeit und Kultur. Eine Kombination naturwissenschaftlicher, kulturgeschichtlicher, volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Studien. Hamburg 1905, S. 81/82.
[11] Marx, K. : Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Marx/Engels: Gesammelte Werke, Bd. 23. Berlin (Ost) (Dietz) 198817, S. 193.



Unentwegte Beschäftigung


Aktuelle Notizen zum Arbeitswahn
Streifzüge 32/2004
von Franz Schandl
(1.11.2004 – Vorlauf zu Streifzüge 53 zum Schwerpunkt Arbeit)
“Die Eigentümlichkeit der , Arbeitsgesellschaften’ besteht darin, dass in ihnen die Arbeit gleichzeitig als moralische Pflicht, als gesellschaftliche Verpflichtung und als der Weg zum persönlichen Erfolg gilt. Die Arbeitsideologie hält es also für erwiesen,
- dass es allen um so besser geht, je mehr jede(r) Einzelne arbeitet;
- dass diejenigen, die wenig oder nicht arbeiten, der Gemeinschaft schaden und somit nicht würdig sind ihr anzugehören;
- dass in der Gesellschaft derjenige Erfolg hat, der tüchtig arbeitet, und dass somit der Erfolglose an seinem Scheitern selbst schuld ist.” (André Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, Berlin 1990, S. 307. )
Freitag, 10. September 2004: Ich steige in die Wiener U-Bahn und lese im Gratis-Blatt Heute folgendes: “40 Prozent der Arbeitszeit gehen für Sinnloses drauf” steht da. Und weiter: “Fast die Hälfte unserer Arbeitszeit verschwenden wir mit sinnlosen Tätigkeiten, hat eine Studie jetzt ergeben. Demnach verschwenden österreichische Arbeitskräfte im Schnitt rund 40 Prozent oder 87 Tage Arbeit im Jahr. Dabei entstehen jährliche Kosten von 19 Millionen Euro. ”
Diebstahl an der eigenen Arbeitskraft sollte wohl bestraft werden. Arbeit wird hier jedenfalls nicht nur aufgefasst als etwas, das zu leisten ist, sondern als unentwegte Beschäftigung und Betätigung des eigenen Arbeitsvermögens. Abgesehen davon, dass das physisch und psychisch unmöglich ist, will diese Vorgabe eines erreichen: ein schlechtes Gewissen, sich zuwenig angestrengt zu haben. Wenn schon Moral, dann Arbeitsmoral. Der Mensch soll werden das an die Arbeit angepasste Ungeheuer. Die Arbeitsdichte ist zu steigern, denn sie erhöht die Produktivität. Stachanow lässt grüßen.
Conclusio Eins: Nicht nur arbeiten zu müssen, ist Pflicht, sondern in der Arbeit ständig zu arbeiten, sich ihrer würdig zu erweisen, sie nicht zu unterlaufen. Reale Arbeitszeit und wirkliche Betätigungsdauer sollen sich annähern. Es geht um die Auslöschung der unverwerteten Reste in der Beschäftigung. Pausen, Unterlassungen, Unterbrechungen, Reflexionen, alles, was nicht unmittelbar der Verwertung dienlich ist, hat zu verschwinden.
Bereits Karl Marx beschrieb dieses kapitalimmanente Phänomen: “Welches immer der Grund des Überschusses der Produktionszeit über die Arbeitszeit – sei es, dass Produktionsmittel nur latentes produktives Kapital bilden, also sich noch in einer Vorstufe zum wirklichen Produktionsprozess befinden, oder dass innerhalb des Produktionsprozesses durch dessen Pausen ihre eigne Funktion unterbrochen wird, oder dass endlich der Produktionsprozess selbst Unterbrechungen des Arbeitsprozesses bedingt -, in keinem dieser Fälle fungieren die Produktionsmittel als Arbeitseinsauger. Saugen sie keine Arbeit ein, so auch keine Mehrarbeit. Es findet daher keine Verwertung des produktiven Kapitals statt, solange es sich in dem Teil seiner Produktionszeit befindet, der überschüssig über die Arbeitszeit ist, so unzertrennlich auch die Vollführung des Verwertungsprozesses von diesen seinen Pausen sein mag. Es ist klar, dass je mehr Produktionszeit und Arbeitszeit sich decken, um so größer die Produktivität und Verwertung eines gegebnen produktiven Kapitals in gegebnem Zeitraum. Daher die Tendenz der kapitalistischen Produktion, den Überschuss der Produktionszeit über die Arbeitszeit möglichst zu verkürzen.” (Das Kapital, Zweiter Band (1885), MEW, Bd. 24, S. 126-127. )
Selbstautomatisation ist das Ziel. Das Ideal des arbeitenden Menschen ist die Maschine. Unablässiges Laufen, ein eherner Rhythmus zeichnet diese aus. Produktions- und Arbeitszeit sollen eins werden. Die Maschine manifestiert sich als ein Wesen, an dessen Perfektion der Arbeiter sich ein Beispiel nehmen kann. Vor der Funktionalität ihrer Maschinen haben die Menschen zu erbleichen, da können sie sich was abschauen. “Work to the rhythm/Live to the rhythm/Love to the rhythm/Slave to the rhythm”, singt Grace Jones in einem ihrer bekanntesten Songs. (Slave to the rhythm, 1985)
Der Schritt, den die aktuelle Arbeitsideologie von ihren Unterworfenen verlangt, bedeutet fortan nicht nur: “Ich gebe etwas von mir her”, sondern “Ich gebe mich hin.” Nicht nur über die Arbeitskraft soll verfügt werden, die ganze Person hat fügsam zu sein. Zerstört werden soll die relative Distanz des Arbeiters zur Arbeit. Diese ist nicht bloß zu verrichten, nein, man hat in dieser aufzugehen, der Identitätsgrad soll gleich dem Intensitätsgrad gesteigert werden. Dankbar hat man zu sein und Demut zu erweisen, schließlich hat man doch Arbeit.
Flexibilität als Unterwerfung
Unsere tägliche Botschaft gib uns heute. Was das gleichnamige Boulevardblatt kann, kann die Qualitätszeitung schon lange. “Flexibilität total ist angesagt”, schlagzeilt die Karrieren-Seite des “Standard” tags darauf, am Samstag, den 11. September 2004. “Vom Arbeitnehmer wird totale Flexibilität erwartet, von der Arbeitszeit über den Arbeitsort bis hin zur Beschäftigungsform”. “Der traditionelle Arbeitsvertrag der Industriegesellschaft war dadurch gekennzeichnet, dass der Arbeitnehmer dem Unternehmen den Einsatz seiner Arbeitskraft zur Verfügung stellt und das Unternehmen ihm ein sicheres Arbeitseinkommen zahlt und ihm dadurch das Risiko der Vermarktung des Produktionsergebnisses abnimmt.” Damit ist nun Schluss, der gesellschaftliche Bruch mit dem Kollektivvertrag liest sich so: “Arbeitsverträge werden zunehmend in Form von Werkverträgen oder freien Dienstverträgen individualisiert, stellen verstärkt auf das vom Einzelnen erzielte Ergebnis ab. Zudem ist Arbeit nicht mehr eine räumlich oder zeitlich vordefinierte Erwerbstätigkeit. ”
Wir erleben den Versuch einer noch weitergehenden Entmündigung der Menschen durch die Ökonomie. Weder Ort, Zeit noch Verwendung ihrer Lebensmöglichkeiten sollen ihnen überlassen bleiben. Selbstbestimmung meint Marktbestimmung. Das, was man einst Fremdbestimmung nannte oder noch besser Verdinglichung, soll als das Ureigene erscheinen. Dem Markt zu entsprechen soll sein unser elementares Bedürfnis. Natürlich, wenn die Leute genug verdienen, können sie sich partiell freikaufen, außerdem dürfen sie am Markt verschiedene Produkte aussuchen und in der Politik Parteien mit unterschiedlichen Namen wählen. Was, wann, wo, wie produziert wird, hat die Leute nichts anzugehen. Demokratie pointiert sich als absolute Unterwerfung unter die Gesetze der Verwertung.
Flexibilität hat nichts mit individueller Souveränität zu tun, sie meint vielmehr, sich den äußeren Anforderungen völlig auszuliefern. Die Flexibilität der Menschen ist nichts anderes als das Diktat der Märkte. Was sich anbietet, hat angenommen zu werden. Wer nicht will, fliegt raus. Wohlgemerkt, nicht nur aus der Arbeit, sondern auch aus den traditionellen Netzen des Sozialstaats. Renitenz ist zu sanktionieren. Es sich bequem machen gilt nicht, man hat mobilisierbar zu sein.
Erzielte der typisch Beschäftigte durch den Verkauf seiner Arbeitskraft Garantien, so ist das dem atypisch Beschäftigten im Zeitalter der Entsicherung nicht vergönnt. Die Abschaffung der starren Form erhöht nicht die Souveränität der Einzelnen, sondern definiert deren Abhängigkeit neu. Sie ist keine Gebundenheit mehr, sondern eine Losigkeit, die keine Sicherheit mehr versprechen kann, sondern lediglich das, was der Markt unmittelbar hergibt. Die Flexibilität, der Unternehmen ausgesetzt sind, schreit geradezu nach der Flexibilität der für sie Tätigen. Was auch bedeutet, dass der atypisch Beschäftigte zum typischen wird und der typische zum atypischen. Vorherrschend für viele wird ein beängstigendes Gefühl der allseitigen Verunsicherung. Sich auf nichts mehr verlassen zu können, heißt verlassen zu sein.
Conclusio Zwei: Nicht nur arbeiten zu müssen, ist Pflicht, man hat seine Wünsche kategorisch den ökonomischen Erfordernissen unterzuordnen. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Nicht nur eine prinzipielle Bereitschaft zur Arbeit wird eingefordert (das sowieso), nein auch eine umfassende zur Verfügung Stellung für alles und jedes. Hartz IV setzt das soeben in Praxis um. Am Ende der Arbeitsgesellschaft etabliert sich die Arbeit als das sich totalisierende Prinzip. Jede Art von Arbeitsverachtung und Arbeitsverweigerung soll disqualifiziert und in weiterer Folge eliminiert werden. Selbst Kranke sollen arbeiten, und sie tun es auch: “Weil die Bürger um Jobs fürchten: Krankenstände sinken auf Rekord-Tief” schlagzeilt das Gratisblatt “Heute” am 30. September. Ökonomisch gesprochen ist Krankheit ja nichts anderes als Sabotage, weil eine unvorhergesehene und unwillkommene außer Kraft Setzung der Arbeitskraft.
Recht auf Dasein wird übersetzt als Wille zur Arbeit. Und nicht nur die Leute, die sowieso wollen, wollen, sondern auch diejenigen, die nicht wollen. Es ist das nichtwollende Wollen, das sich, um wollen zu können, als Natur vergewissern muss. Wer dauernd muss, wird wollen. Und so beteuern die personifizierten Exponate der Arbeit in Momenten, in denen sie sich überführt glauben, gleich Gregor Samsa in Kafkas “Verwandlung”: “Ich bin nicht starrköpfig und arbeite gern”, sagt dieser zu seinem Prokuristen. (Franz Kafka, Die Verwandlung (1915); in: Erzählungen, Leipzig 1990, S. 75. ) Der Prokurist selbst hatte ihm vorgehalten, dem Geschäft ferngeblieben zu sein, denn “eine Jahreszeit, um kein Geschäft zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben”. (S. 71) Es ist dieser Nachsatz, der den Arbeitstieren permanent im Nacken sitzt, sie vor sich hertreibt, sie verfolgt, nicht nur Gregor Samsa. (“Die Verwandlung” ist übrigens nicht das einzige Schriftstück Kafkas, das dechiffriert werden kann als Prosa gewordene Angst vor der Arbeit. )
Risiko und Wagnis
Nur nicht jammern! Leben ist eben lebensgefährlich, nichts für Weichlinge und Drückeberger. Wer nichts riskiert, hat nichts zu gewinnen. Schließlich leben wir in einer “Risikogesellschaft” (Ulrich Beck). Das Gebot zum Risiko hat zur Folge, dass die meisten an ihm scheitern, aber die wenigen Gewinner als strahlende Sieger einer medialen Öffentlichkeit präsentiert werden. Das Dargestellte ist bloß ein besonderer Ausschnitt, aber dieser Schnitt schneidet alles andere weg. Ungesehen meint ungeschehen.
Wenn wir uns alle geschickt genug anstellen würden, könnten wir alle von unseren Aktien leben, erzählt die Sendung über den neuen Trend zur Börse, die sich nicht als Werbesendung ausweist. Ein euphorischer Konjunktiv verleitet zu einem Indikativ, auch wenn der dann zumeist kollabiert. Die haben es geschafft, wir könnten das auch, wird suggeriert. So lautet die Botschaft, die einen überwältigt und die Normalität durch Absenz eskamotiert. Das Risiko ist freilich ein Glücksversprechen, das sich bei den wenigsten einlöst; aber als Misslingen wird es nicht engagiert, nur als Erfüllung feiert es eine pompöse Inszenierung. Die “Straße der Sieger” ist gepflastert mit Leichen.
“Nur wer wagt, gewinnt” ist eine Wahrheit die eine und doch keine ist. Denn sie ist die Ausnahme, nicht die Regel. Für mehr als neunzig Prozent der Fälle gilt: “Wer wagt, verliert”. Aber nur wer wagt, kann gewinnen. Wer nicht wagt, kommt nicht um das Scheitern herum, im Gegenteil, eins erhöht sogar dessen Wahrscheinlichkeit, sodass das Wagnis tatsächlich als Chance erscheint und als Herausforderung angenommen werden muss. Es ist der Stachel des marktbestimmten Daseins. Das bürgerliche Leben ist eines der unzähligen Niederlagen, das jedoch seine Siege feiert, als gäbe es nur diese. Damit das Wagnis Einzelner sich auszahlt, muss das Wagnis vieler verunglücken. Damit erstere sich erfüllen, müssen letztere sich opfern. Es wäre also an der Zeit, Wagnis und Risiko ganz prinzipiell zu debattieren, vor allem auch unter dem Vorzeichen der damit verbundenen Bereitschaft zur Opferung.
Wohlfahrt auf Talfahrt
Metaphysik der Arbeit geht so: Arbeit ist gesellschaftlich bedingtes Wollen, eines, das gleichwohl als unbedingt erscheint. Arbeit ist somit gesellschaftlich bedingtes unbedingtes Wollen. Ein Um und Auf, dem man nicht entgehen kann. Schon alleine deswegen, weil wir an unser primäres Lebensmittel, an Geld, bloß durch Arbeit kommen können. Das gilt für das direkt bezogene ebenso wie für das umverteilte. Dass Umverteilung überhaupt notwendig ist, zeigt ja den ganzen unsozialen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse auf. Würde allein der Markt entscheiden, also die Fähigkeit sich in Wert zu setzen, zu kaufen und zu verkaufen, würden die meisten Menschen nicht nur Nachteile erleiden, sondern zugrunde gehen. Es ist der im Gegensatz zum Markt verteufelte Staat, der diese Elendsverwaltung wahrnimmt oder eigentlich besser: wahrgenommen hat.
Die Krise des Staates ist eine des Marktes, und zwar, weil ihm dieser nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung stellen kann, seinen sozialstaatlichen Vorgaben nachzukommen. Sein Steuerungsvermögen nimmt potenziell ab, weil seine Steuereinnahmen bezogen auf seine gesetzlich verankerten Aufgabestellungen abnehmen. Daher müssen letztere geändert, das heißt zurückgefahren werden. Die Zwecke, die er bisher bedienen konnte und auch wollte, die kann er fortan einfach nicht mehr bedienen. So verwandelt er sich in eine stets restriktivere Maschine, in der Sozialreform als Sozialabbau stattfindet. Freilich ist damit die Totalität des Kapitalverhältnisses empfindlich gestört. Denn wenn es die Geldmonaden in Leute ohne (oder mit wenig) Geld verwandelt, schafft es damit auch die Käufer seiner Produkte und Leistungen sukzessive ab. Verarmung und Verelendung sind die Folge.
Es ist nicht so, dass sich der Staat aus der Verantwortung stiehlt, wie alle Keynesianer meinen, sondern dass diesem einfach der Etat zur umverteilenden Fürsorge fehlt. Die Wohlfahrt befindet sich auf Talfahrt, da helfen auch sämtliche Ratschläge an die Politik wenig. Soziale Befriedigung ist zusehends weniger als Sozialstaat denkbar. Wenn man sich von diesen Gedanken nicht löst, steht man auf einem Posten, auf dem man nie wieder Boden unter die Füße bekommen wird.
Das Gleichgewicht von Staat und Markt war das Kennzeichen eines Kapitalismus am Höhepunkt seiner Entwicklung. Heute gibt es jenes nicht mehr, und niemand weiß, wie es wieder hergestellt werden kann. Interessant ist aber, dass nur dem Staat die negative Rolle zugesprochen wird, während der Markt geradezu als Problemlöser par excellence erscheint. Indes, nicht spezifisches Staatsversagen führt in die Krise, sondern die vom Wert geprägte Konstellation in ihrer Gesamtheit ist prekär geworden. Das Universum des Kapitals steht zur Disposition. Aber es wird nicht zur Disposition gestellt, sondern behauptet seine Position mit Nachdruck, auch wenn die mehr eine ideologische Bastion darstellt als eine reale.
Inklusion und Exklusion
Der sich ausbreitende Antagonismus der Arbeit lässt sich so bestimmen: Was von den Leuten gefordert wird, nämlich zu arbeiten, wird ihnen verwehrt. Nicht Inklusion in die Arbeit ist die vorherrschende Entwicklungstendenz, sondern Exklusion aus ihrem Reich der Notwendigkeit. Menschen werden im wahrsten Sinne des Wortes entsorgt. Niemand braucht sich mehr um sie sorgen, gilt für die auf sich selbst Zurückgeworfenen. Man will ihrer nicht habhaft werden, man will sie loswerden. Nicht ausgebeutet sollen sie werden, sondern ausgeschieden. Im “Biotop” der Arbeit ist das immens bedrohlich. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes die Beschissenen. Wenn sie leben wollen, dann haben sie sich mit den Krumen der Mac Jobs zu begnügen. Mehr ist nicht mehr. Der Arbeitszwang hingegen bleibt bestehen, ohne ihn erfüllen zu können. Es gleicht dem Schreien nach der Peitsche, obwohl es immer weniger Peitschen gibt. Die masochistischen “Slave to the rhythm”-Refrains des “chain gang song” werden ganz sadistisch ignoriert, indem man den Willigen sogar den obligaten Sklavenstatus verweigert.
Nie war die Ideologie der Arbeit so aggressiv wie jetzt. Und warum auch nicht? Letztlich entscheidet noch immer die Arbeit (und all ihre Verwandlungen in Wert und Geld) über den Status in der Gesellschaft. Arbeit zu haben ist ein Privileg, ihr Nichtbesitz Behinderung. Wobei die schrumpfende Masse der konservativen Arbeitsplatzbesitzer immer reaktionärer zu werden droht. Mit Zähnen und Klauen verteidigen sie ihren nunmehr privilegierten Platz gegen ihresgleichen. Da mögen viele der Ihren umtypisiert, prekär beschäftigt oder arbeitslos werden, ja notfalls nehmen sie sogar Lohnkürzungen hin, alles in der egoistischen Absicht: “Hauptsache, ich habe Arbeit! ” Die großen Entsolidarisierungsschübe der traditionellen Arbeiterklasse stehen uns noch bevor.
Selbst wenn Leute sich individuell dem Arbeitszwang entziehen wollen, heißt das keineswegs, dass sie sich gegen das kollektive Gebot zur Arbeit auflehnen. Was allgemein gefordert wird und sich als gegenseitiger Druck der Subjekte gestaltet, dem wollen sie als Einzelne entkommen. Diese singuläre Flucht ist nicht Teil eines pluralen Widerstands. Den eigenen Willen wider die Arbeit kann das bürgerliche Wesen nur als Konkurrenzsubjekt wahrnehmen, nicht als Individuum, das nach ähnlich denkenden Individuen sucht. Anstatt sich gemeinsam von der Arbeit zu verabschieden, unterstellt man anderen, die Arbeit zu sabotieren. Anstatt sich der eigenen Klammheimlichkeit zu stellen und ihr offensiv Ausdruck zu verleihen, wird der Konkurrent dergleichen verdächtigt. Und wehe, der andere will nicht arbeiten. Es ist eine irre Psyche, die sich hier zusammenflickt. Nicht das Bluten soll aufhören, lediglich die andern sollen für einen bluten. “Hinter uns die Sintflut”, sagen jene, denen das Wasser erst bis zur Brust reicht.
Nicht sich des Zwangs zu entledigen, ist hier die Aufgabe; nein: das Bekenntnis zur allgemeinen Durchsetzung des Prinzips leitet dieses zutiefst inhumane Denken. Und als Verblendungszusammenhang erster Klasse muss gelten, dass das, was einem zugefügt wird, als freier Wille erscheint. Ständig wird dieses “Selbst” eingefordert, schreibt André Gorz in seinem aktuellen Buch “Wissen, Wert und Kapital” (Zürich 2004, S. 27): Selbststeuerung, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Selbstvermarktung. Was dem Subjekt angetan wird, soll es alles selbst anstellen. Ein solches Innen braucht keinen äußeren Befehl mehr. Wenn die Menschen in die richtige Stimmung versetzt werden können, ist Selbstbestimmung kein Problem mehr, sondern Gleitmittel affirmativen Soseins.
Totales Bekenntnis
Je genauer man sie anschaut, desto irrer blickt sie zurück. Alle wissen anscheinend, was Arbeit ist, aber so genau will es denn doch niemand wissen. Sie ist schlichtweg eine Selbstverständlichkeit, etwas, das man haben, aber deswegen noch lange nicht begreifen muss. Arbeit ist ein Bekenntnis, das sich gegen erkenntnistheoretische Anwandlungen sperrt.
Gefordert wird ja auch nicht, die Arbeit zu verstehen, sondern von der Arbeit etwas zu verstehen.
Wenn Leute an Arbeit denken, dann denken sie diese, unabhängig davon, was sie im konkreten Fall von ihr denken, als Naturnotwendigkeit, vor der es kein Entfliehen gibt, allerhöchstens es gelingt, andere für einen arbeiten zu lassen. Sie verwechseln dabei das inhaltliche Tätigsein mit seiner spezifischen Zurichtung. Darin genau liegt der ganze Arbeitswahn in den Köpfen auch begründet. Dass es diesen unmöglich ist, das konkrete Tun und die abstrakte Form, in der es sich darstellt, als nicht unbedingt identisch zu betrachten. Eben auseinander halten, was nur gesellschaftlich zusammengefügt ist. Die bürgerlichen Subjekte kennen Inhalte bloß in dieser Form, egal ob als bezahlte zugeordnet oder als unbezahlte beigegeben. Alles ist hier eins und somit einerlei.
Dass dieselbe Tätigkeit etwas anderes sein könnte, wenn sie nicht für den Markt geschieht, sondern als unmittelbarer Einsatz (Geschenk, Gabe, Schöpfung) zur individuellen und kollektiven Reproduktion frei assoziierter Menschen, will nicht so recht kommen. Freilich wäre dieselbe Tätigkeit dann nicht mehr dieselbe, eben weil die Verwertbarkeit als zentrales Kriterium ausgespielt hätte. Mit dem Wegfall dieser Bestimmung würde auch die Arbeit schlechthin der Vergangenheit angehören.
Heute dimensioniert das Formprinzip Arbeit den Inhalt, verleiht ihm sozusagen einen Körper, der als dessen unabänderliche Gestalt erscheint. Was hingegen kreatives Schöpfen sein könnte oder emanzipatorisches Werken, lässt sich nur erahnen, bestenfalls negativ bestimmen, also sagen, was es nicht sein soll. Menschliche Tätigkeit kennt im kapitalistischen System und insbesondere in der deutschen Sprache bloß einen Namen: Arbeit. Das totalisierende Prinzip wird als totale Natur hingenommen.
Arbeit ist der Menschen täglich Brot. Nichts ist so tief verwurzelt wie das Bekenntnis zu ihr. Mensch sein heißt demnach Arbeiten müssen, dürfen, sollen, vor allem aber wollen. Wir wollen. Und wie wir wollen. Selbst wenn wir nicht wollen, wollen wir, ob wir wollen oder nicht. Dass dieses Wollen eigentlich ein Müssen ist, ein gesellschaftlich konstituiertes noch dazu, ist offensichtlich, wird aber permanent ignoriert. Der Arbeits-Freiwillige ist der mit freiem Wille ausgestattete Soldat der Arbeit. Er ist Teil eines Arbeitsheers, das in Schlachten und Feldzügen um Standorte und Absatzgebiete seine Werber und Waren ausschickt. Es geht um Okkupation. Arbeitsnegationisten, d. h. Arbeitsunwillige und Arbeitsverächter, Arbeitslose und Arbeitskritiker gleichen in diesem militärischen Realszenario Deserteuren. Nicht nur in der österreich-ungarischen Monarchie hat man mit solchen Leuten kurzen Prozess gemacht.
Alles hat der Wertverwertungmaschine zu dienen, sei es direkt durch Lohnarbeit, sei es indirekt durch alles andere, was sich zwar nicht unmittelbar rechnet, was aber trotzdem unabdingbar ist, damit der Kapitalismus funktioniert, neuerdings auch terminologisch geadelt, indem der Begriff alles andere überfällt, als könnte dieses nicht auch ohne ihn bestehen; nein, nein, alles hört auf ihr Kommando: Hausarbeit, Erziehungsarbeit, Beziehungsarbeit, Trauerarbeit. Die verwesende Arbeit ist über uns gekommen. Sie vergiftet alles…
Aber zweifellos, Arbeit adelt. “Hast Du eh Arbeit? “, ist eine geflügelte Frage, deren Bejahung einen aufatmen und deren Verneinung auf soziale Degradierung schließen lässt. Und immanent betrachtet, ist es das. Keine Arbeit zu haben, da weiß nicht nur jeder Arbeitslose, was das bedeutet. Es heißt ein entwertetes Es, ein gesellschaftliches Nichts zu sein.
Vom Wahn zur Abschaffung
Die Arbeit ist zur Zeit nirgendwo so stark verankert wie in den Köpfen. Es ist der Wille zu ihr, der sie hält. Ein Klammern, ein Nicht-wahrhaben-Wollen. Gerade in Zeiten, wo die Arbeit reell verfällt, steigt sie noch einmal ideell auf. Die Diskrepanz von Wahrnehmung und Entwicklung könnte krasser nicht sein. Es reüssiert ein kontrafaktisches Verhalten, eines, das die traditionellen Vorstellungen ernster nimmt als die aktuellen Wirkungen. Während das Formprinzip Arbeit als gesellschaftsverbindender Zusammenhang zerbricht, plustert es sich als weltanschaulicher Popanz geradezu auf. Die selige Himmelfahrt verkauft sich als irdische Hochzeit.
Die Arbeitsbirne ist eine Leuchte sondergleichen: Weil es zu wenig Jobs für Jugendliche gibt, müssen die Alten später in Rente. Weil die verbeamteten Lehrer zu viel kosten, müssen diese allerdings in Frühpension geschickt werden. Weil die Kaufkraft zu niedrig ist, müssen die Sozialleistungen und Löhne gedrückt werden. Und damit Arbeit geschaffen werden kann, müssen die, die Arbeit haben, länger arbeiten und nicht kürzer. Man könnte diese Liste geistiger Höhenflüge ins Unendliche fortsetzen. Aber das alles folgt wohl einem göttlichen Plan, dessen Komplexität wir einfach nicht kapieren.
Seien wir sicher: Je mehr die Leute arbeiten, desto mehr Arbeit schaffen sie nicht neu, sondern desto mehr schaffen sie ab. Je mehr sie ihre Produktivität erhöhen, desto mehr setzen sie andere außer Wert. Die steigenden Hektarerträge schufen nicht reiche Bauern, sondern führten zur Eliminierung eines ganzen Standes. Ähnliches gilt auch für Metall- und Textilarbeiter und viele andere Branchen bis hin zu Versicherungen und Banken. Einst fest Zugeordnete werden in dieser Anzahl nicht gebraucht. Unter kapitalistischen Vorzeichen bringt die Produktivkraftentwicklung die Produzenten reihenweise um ihren Produzentenstatus. Neuerdings gilt das auch für die so genannten Dienstleistungsberufe.
Geradezu irre ist der Widerspruch, dass, obwohl die Arbeit abnimmt, sie für die einzelnen stets zunehmen soll, sei es durch Arbeitsdichte, Arbeitszeitverlängerung oder die Hinaufsetzung des Pensionseintrittsalters. Der Wiener Nationalökonom Erich Streissler, ein würdiger Nachfolger des Apostel Paulus (“Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen”), bringt die ganze Aggressivität der Arbeitsideologie auf den Punkt: “Solange man arbeiten kann, muss man auch arbeiten”, sagt er ganz unverhohlen. (Die Presse, 26. November 1999) Und wer dazu nicht mehr imstande ist, darf dann wohl sterben. Die Befreiung von der Arbeit kann hier nur noch im Jenseits stattfinden, im Diesseits hat sie keinen Platz. Arbeit und Leben sind in solchen Vorstellungen eins.
Keine andere Sinnstiftung wird zugelassen. Die so befangenen Menschen scheinen geradezu überfordert zu sein und geraten daher ins Beten. Sie stellen sich nicht den Fragen der Zeit, sondern geben ihre alten Stehsätzchen zum Besten, Marke: “Gearbeitet wurde immer”, oder “Arbeit zeichnet den Menschen aus.” Mangels an gesellschaftlichen Alternativen sind solche Schlüsse naheliegend wie fatal. Arbeit meint Andacht, zweifelsfrei. Während das Gefängnis der Arbeit zusammenstürzt, will die Befangenheit partout nicht abnehmen, sondern spitzt sich zum Fanatismus zu. Die Insassen wollen nicht raus. Unter “draußen” können sie sich gar nichts vorstellen. Der Gefangenenchor intoniert unverdrossen das Lied der Arbeit.
Es ist die Arbeit, die die Leute dumm macht. Wer sein Leben damit verbringt, täglich acht bis zehn Stunden Lebensmittelregale mit Preisschildern zu bekleben oder stumpfsinnige Werbesprüche für diverse Produkte zu erfinden oder routinierte Artikel zur österreichischen Innenpolitik abzusondern oder oder oder… , dessen oder deren kreatives Potenzial ist extrem beschnitten. Es verkümmert aufgrund seiner Beschlagnahme. Arbeit verstellt den Menschen ihre Möglichkeiten. Sich ihr auszuliefern und zu überantworten, wird zusehends gemeingefährlich. Natürlich wird auch in Zukunft nicht alles Lust sein können, aber die Herstellung kontrollierter Unlust, und nichts anderes ist die Arbeit, wird nicht mehr die Sozietät beherrschen.
Das Problem ist nun nicht, dass die Gedanken der Realität enteilen, sondern dass sie ihr hinterherhinken. Das System bettelt förmlich um Ablöse. Befreiung wird nur möglich sein, wenn dieser fetischistische Schleier, der die Arbeit Naturnotwendigkeit heißt, in den Köpfen zerschlagen wird. Die zentrale Aufgabe besteht darin, Befangenheit als solche wahrzunehmen, zu begreifen und aufzulösen. Das ist die Grundbedingung, Arbeit angreifen zu können. Der Weg zur individuellen Verwirklichung führt nicht über die Arbeit, sondern über deren Abschaffung. Die ist Voraussetzung, um ein Leben jenseits der Existenz bewerkstelligen und genießen zu können. Emanzipation ist, wenn die zentrale Frage der Kommunikation nicht mehr “Was machst du? “, lautet, sondern schlicht “Wer bist du? ” Nicht welcher Charaktermaske man dient, ist doch von persönlichem Interesse, sondern welcher Mensch man ist.
Zuviel, was wir da wollen? – Weniger ist nicht mehr drinnen!

Gefunden habe ich diese Aufsätze auf  http://www.streifzuege.org/ und ich kann nur dazu sagen, dass diese Aussagen sich mit den Gedanken decken, die ich mir schon lange zu diesem Thema mache.